• «Machen wir uns auf den Weg und geniessen jeden Schritt»

«Der Weg ist das Ziel» (Konfuzius, 551-479 v. Chr.)

Ich begrüsse alle herzlich zu meinem zweiten Blog mit dem berühmten Zitat von Konfuzius.

Schneller-höher-weiter!

Als mir während meines Sportstudiums in Pädagogik die Maxime „Der Weg ist das Ziel“ an den Kopf geworfen wurde, konnte ich nicht viel damit anfangen. In meiner Welt des Leistungssportes bedeuteten Zielformulierung und deren Erfüllung alles. Wir wurden erzogen mit: „Wo ein Wille ist, gibt es einen Weg zum Ziel!“ Einige Jahre später, als sich bei mir selbst immer mehr körperliche Beschwerden bemerkbar machten und meine Performance, gesteuert vom Motto „schneller – höher – weiter!“, nicht mit den Zielsetzungen harmonierte, wurde ich nachdenklich, unsicher und zunehmend frustriert. Und schliesslich mit 35 Jahren, am Tag nach dem Grand Prix Bern, als ich wegen Rückenschmerzen kaum mehr aufstehen konnte , wurde mir bewusst: „Das war’s!“ Und fiel im Sturzflug in meine erste Depression, was ich selbst aber so nicht annehmen konnte. Selbstverständlich gab ich in meiner Angst dem Rücken die Schuld, damit mein Ego diesen Zustand überhaupt ertragen konnte.

Was sollte auch aus mir werden, so ohne Adrenalin, mit Serotoninmangel, keine Endorphinschübe mehr, mit Schmerzen im Rücken, ohne den Applaus meiner Kollegen und Zuschauer?! Ich fühlte mich unglücklich, einsam und überfordert, was gar nicht anders möglich war bei diesem chemischen Defizit.

In der Retrospektive fragt Mann sich ja immer, wie es soweit kommen konnte – und es kam bis heute noch einige Male soweit! Diese Rückfälle trugen nicht unbedingt zur Vertrauensbildung bei. Sie bestätigten mir schmerzhaft, dass ich doch nicht so smart war, wie ich mir – zielorientiert programmiert – immer mal eingeredet hatte.

Ziellos leben?

Ist das Leben nur dann wertvoll, wenn ich etwas leiste und mir dauernd Ziele setze? Und wer bestimmt, was wertvoll ist? Wieviel Applaus und Anerkennung meines Umfeldes brauche ich, damit ich glücklich und zufrieden bin? Oder bin ich Mensch genug, meinen eigenen Weg zu finden? Lässt sich die innere Unruhe, welche mich seit Kindesbeinen begleitet, vielleicht durch diese Suche nach Identität erklären?

Bewegung, welche unser ganzes Mensch-Sein ausdrückt, ist ein kultiviertes Verhalten. Kinder, welche spielen des Spielens wegen, kultivieren über Bewegung ihr Verhalten. Ein Spiel beschreibt grundsätzlich ein zweckfreies Handeln, das keine Zielformulierung als Motivation braucht. Alles kreative Lernen entspringt diesem Grundsatz. Vielleicht möchte das Kind – nehmen wir eine Gesellschaftsspiel – dieses Spiel draussen auf dem Pausenplatz auch gewinnen. Wenn aber plötzlich ein Kätzchen auftaucht, ist das Spiel plötzlich unwichtig und die ganze Aufmerksamkeit gilt dem Kätzchen!

Diese Fähigkeit, im „Hier und Jetzt“ spontan die Zielformulierung loszulassen, geht aufgrund unserer gesellschaftlichen und erfolgsorientierten Wertvorstellungen mit dem Erwachsen-Werden zunehmend verloren. Wenige Menschen können sich dieses Kind-Sein bewahren und dennoch ihren Platz in der Gesellschaft finden.

Wenn wir uns bewusst werden, dass Mensch-Sein in der Gegenwart stattfindet und Ziele sich teilweise in ferner Zukunft befinden, bedeutet ein rein zielorientiertes Leben kurze Highlights im Erfolgsfall, ansonsten drohen lange Durststrecken mit frustrierendem Resultat. Dies umso mehr, falls die Zielsetzungen nicht mit unseren persönlichen Bedürfnissen übereinstimmen. Daher reifte in mir während der letzten Jahre die Überzeugung, dass der Weg das Ziel sein darf! Dass Ziele gar erst durch den Weg sinnvoll werden. Ziele geben uns die Motivation, damit wir uns auf den Weg machen.

Möchten Sie sich gerade jetzt auf einen konkreten Weg machen?

Ziele sind zukünftige Anker – machen Sie sich lebendig auf den Weg.

Beobachten Sie ohne Erwartungen die eigene Atmung. Eine zumeist unbewusste Handlung, welche neben der lebensnotwendigen Sauerstoffversorgung einen intimen Einblick in unser Befinden gewährt. Es ist die erste notwendige Handlung in unserem Leben und die letzte, wenn wir das Diesseits verlassen. Legen Sie sich doch dazu auf den Rücken (auf eine Matte oder einen bequemen Teppich). Bei Bedarf unterlegen Sie den Kopf mit einem gefalteten Handtuch, damit sich der Nacken entspannt anfühlt und schliessen Sie die Augen.

Stellen Sie die Beine so an, dass ihre Füsse nicht rutschen und legen Sie ihre Hände auf den Bauch. Spüren Sie, wo und wie die Atmung sich ausbreitet. Gibt es auch eine Resonanz im Brustkorb, unter den Schulterblättern, im unteren Rücken, bei den Schlüsselbeinen? Ohne irgend etwas verändern zu wollen. Ihre Atmung ist ok so, wie sie ist. Mit jedem Atemzug die eigene Lebendigkeit geniessen. Ohne sich zu fragen: Atme ich richtig? So falsch kann die Atmung nicht sein, denn Sie leben noch. Dennoch kann bewusste Atmung zu einer Verbesserung der Lebensqualität führen – im Einzelfall in einem ungeahnten Ausmass. Spüren Sie, wie die Luft durch die Nase einströmt und über den Rachen und die Bronchien die Lunge mit Sauerstoff belebt. Jeder Atemzug ist ein Geschenk des Lebens. Erfüllt Sie dies auch mit etwas Dankbarkeit und Demut?

Begleiten Sie ihre Ein- und Ausatmung noch einige Minuten auf ihrem Weg. Freuen Sie sich mit mir auf den nächsten Blog zum Thema Atmung. Abgeschlossen wird dieser mit einem Audioblog, welcher mit spielerischen Aufgaben motiviert, das Innenleben durch die Atmung zu erforschen.

Roland Bärtsch